TEXTE / JENS STANDKE

Vinylaktiten/Vinylagmiten
Die traditionellen bildenden Künste sahen sich – ganz im Gegensatz zur Musik, der Literatur oder den darstellenden Künsten – stets mit der Problematik konfrontiert die Darstellung von Handlungen auf einen Augenblick, einen Zeitpunkt oder Zustand zu verfestigen. Sie müssen, wie Gotthold Ephraim Lessing es formulierte „der Zeit völlig entsagen“. Sofern sie den Anschein von Bewegung erwecken wollen, müssen sie den „prägnantesten“ Augenblick wählen, aus welchem das vorhergehende und Folgende am begreiflichsten wird“. Jens Standke konfrontiert in der Arbeit Vinylaktiten/Vinylagmiten den Betrachter mit dem Paradoxon der simultanen Abbildung einer chronologischen Abfolge, die nicht nur antizipiert, sondern tatsächlich dargestellt wird.
Das Ausgangsmaterial der Arbeit bilden Schallplatten, die mit einer vom Künstler selbst konstruierten CNC-Fräse, genannt „technofaktur“ sukzessive in eine Form geschnitten werden, die in ihrer additiven Aufreihung an Stalakmiten bzw. Stalaktiten in Tropfsteinhöhlen erinnern. Die Gesamtform der Objekte ergibt sich aus einem sprachlichen Wellendiagramm in dem Begriffe, die der Künstler in ein Aufnahmegerät eingesprochen hat, abgebildet sind, die sich mit dem Phänomen der Klangaufzeichnung auseinandersetzen. Die Schallmuster dieser medientheoretischen Begriffe, wie beispielsweise: Gedächtnis, Wiederholung, Reproduktion, Monotonie, Zwischenspeicher, werden in einem 3D-Programm interpoliert und zu einer virtuellen Form zusammengefügt, um danach in einzelne Scheiben zerteilt zu werden, die die Schnittkontur für die CNC-Fräse bilden. Parallel zum Schneideprozess tastet ein Laser die Schnittkontur der Platte ab und zeichnet deren Tonspur auf. Der abgespielte Sound stellt somit ein akustisches Äquivalent zu den einzelnen Umrissformen der Platten dar.
Standke unternimmt in dieser Arbeit den Versuch auf sehr komplexe und vielschichtige Art und Weise den paradoxen Zustand einer simultanen Wahrnehmung zeitlicher Abfolgen zu generieren. Das Medium der Vinyl-Schallplatte, dient hierbei in seiner Funktion der Verfestigung einer chronologischen Abfolge von Tönen als Schnittstelle zwischen Raum und Zeit. Durch das additive Verfahren der räumlichen Schichtung wird das Trägermaterial in eine skulpturale Form gebracht, die den Eindruck von sedimentierten Schichten erweckt, die wiederum Assoziationen zu über lange Zeiträume gewachsenen geologischen Phänomenen hervorrufen. Die abgespielten Audiotracks aus dem Klangarchiv bilden das immaterielle Pendant zu der Skulptur, in der die konstruierte Vergegenständlichung von Zeitlichkeit wieder in ihre einzelnen Bestandteile zurückgeführt und aufgelöst wird.
Standkes Arbeit thematisiert einen künstlerischen Transformationsprozess, der sich immer stärker ausweitet, bis er schließlich in sich selbst zurückfällt. Am Beginn dieses Prozesses steht der diskursive Begriff als isolierter Einzelaspekt einer Auseinandersetzung. Durch die Aufnahme der Begriffe einsteht zunächst eine lineare Wellenform, die dann durch Aneinanderreihung und Interpolation zu einem dreidimensional räumlichen Gefüge wird, welches schließlich um die vierte Dimension der Zeit erweitert wird. In der Wahrnehmung des Betrachters wird ein Wechselspiel zwischen Präsenz und Prozesshaftigkeit, Simultanität und Dauer, Klang und Manifestation sowie Einheit und Vielfalt erzeugt.

Wenn der Fluss der Zeit zum Wasserfall wird
Die Problematik der skulpturalen Darstellung von Bewegung bzw. der Verbindung von Räumlichkeit und Zeitlichkeit wurde in der antiken Plastik durch die Wahl eines bestimmten Darstellungszeitpunktes – dem sogenannten fruchtbaren Moment – gelöst. Der Betrachter antizipiert hierbei eine vollständige Bewegung, indem er einen einzelnen Bewegungsmoment sowohl in die Vergangenheit zurückverfolgt als auch in die Zukunft projiziert. Standke entwickelt in seinen Skulpturen einen Darstellungsmodus, der es ihm ermöglicht zeitliche Abläufe simultan darzustellen. In der Arbeit „Wenn der Fluss der Zeit zum Wasserfall wird“ hat sich der Künstler die Bewegung des „Sich-Aufrichtens“ in einem 3D Scanner festgehalten. Während die Scan-Laser-Linie von oben nach unten herunterfährt, erhebt sich der Körper aus einer hockenden in eine stehende Position. Die entgegengesetzten Bewegungen bewirken eine körperliche Deformation in Form einer Verdichtung die den Oberkörper zusammenpresst. Der Körper erscheint gealtert, während die durchgedrückten Beine einen stabilen und unverformten Eindruck vermitteln, als wenn sie sich gegen die Zeit stemmen wollen. Die kraftvolle Bewegung des Aufrichtens ereignete sich vor der „timeline“ des Scanners, sodass diese Bewegung als sukzessive Chronologie im Statischen der Skulptur verschwindet. Die passive Körperhaltung erscheint wie ein Sinnbild der Ohnmacht gegen den Fluss der Zeit.

Falko Bürschinger