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Betrachtet man die Arbeiten von Mikheil Chikhladze, so ertappt man sich dabei ein Teil seiner Bildwelt sein zu wollen. Einer der Protagonisten seiner Geschichten, die fast schmerzhaft intensiv in ihren Farben, ihrem Ausdruck, ihrer Emotionalität und in ihrer „bedrohlichen“ Authentizität auf der Leinwand erscheinen. Subtil oder unbewusst werden in dieser Fülle die Erinnerungen an seine Heimat, Georgien eingebettet. Überlappt werden diese mit den expressiven Bildern aus dem Heute und Jetzt, welche durch die ständige Motivwiederkehr zu den Mustern wandeln und in der visuellen Erinnerung des Rezipienten seinen festen Platz einnehmen.
Jedes Detail in den Arbeiten von Mikheil Chikhladze hat zwei Seiten. Die Ästhetik wird gegen Disharmonie ausgespielt, der Ernst durch die Ironie bereichert, die Tiefe wird durch die Flächigkeit und die Vielfalt durch die Wiederholung gestraft. Mikheil Chikhladze ist im Stande die Techniken der traditionellen Malerei in zeitgenössische Inhalte umzukleiden, er scheut sich nicht die Zitate der Kunstgeschichte neu aufzuladen oder diese in seinen Kompositionen demonstrativ zu hinterfragen. Die Berechtigung dazu gibt ihm die Tatsache, dass er selbst bereits seine eigenständige Bildsprache erfunden hat, eine die man unbedingt sprechen und verstehen möchte.

Für Mikheil Chikladze ist Malerei keinesfalls nur ein Medium. Sie ist gewissermaßen Selbstzweck und ein Impuls, aus dem heraus er Kunst schafft. Somit ist der Prozess des Malens für ihn wichtiger als das Resultat selbst. Diese Gegebenheit trägt maßgeblich dazu bei, dass seine Gemälde Aufrichtigkeit und Anziehungskraft ausstrahlen. Interessant ist hierbei insbesondere die Machart, welche sowohl seine Leidenschaft für malerische Prozesse als auch seine ständige Suche und einen selbstkritischen Umgang widerspiegelt. Schon seit vielen Jahren überarbeitet er nicht vollendete Leinwände, oder solche die eigens für zukünftige Projekte vorbereitet wurden. Auf diese Weise entstehen sich überlappende Farb- und Formschichten, in denen Details aus den früheren Versionen – wie kleine Inseln – auftauchen und in die neue Komposition verflochten werden. Dieser vielschichtige Bildhintergrund zeigt unterschiedliche Schaffensphasen und weist eine satte und tiefe Farbigkeit auf. Aus diesem Grund ist er ebenso interessant wie die, darin eingebetteten „neuen“ Formen. Zu bestimmten Szenen und Farben kehrt der Künstler bewusst häufig zurück, so als wolle er deren malerisches Potential vollständig ausschöpfen. Diese Bestandteile seiner Bildwelt haben mittlerweile einen hohen Wiedererkennungswert. In einer lebendigen narrativen Formsprache kombiniert er die Versatzstücke seiner alltäglichen Erfahrungen mit politischen und gesellschaftskritischen Elementen. Ein breites Themenspektrum und eine immer wieder überraschende Besetzung der Protagonisten zeichnen seine Malerei aus. So lässt er zum Beispiel einen nordkoreanischen General – der unter der Last seiner Insignien zu zerfallen droht – und einen etwas schlüpfrig-amorphen Ex-Agenten an einem Klettergerüst gemeinsam auftreten. Mitsamt einer „verführerischen“ Allegorie der Propaganda, die aus einer phallisch ragender Kanone raugeschossen wird. Auf diesem Spielplatz der politischen Eitelkeiten drängen sich alle in den Vordergrund. In der Arbeit „Kein soziales Netzwerk“ wiederum ist ein innerer Kampf zwischen dem kollektiven und privaten Ich thematisiert. Die austauschbaren Gestalten verraten die Bedingtheit des Individuums im digitalen Zeitalter. Getaucht sind diese hochaktuellen Themen in eine Farbigkeit und Leuchtkraft, die jede Zeiterscheinung und jedes Ordnungsprinzip überdauern und uns die Macht der Kunst vor Augen führen.

Tinatin Ghughunishvili-Brück
Kunsthistorikerin M.A.